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„House with things behind“ | JEAN-PASCAL FLAVIEN in Heidelberg


Jean-Pascal Flavien devises and constructs fantastical houses, that interrogate and expand popular ideas about the role and use of architecture. His constructions don’t comply with any building norms, instead turning them on their head. He is interested in states of being, feelings and dreams, as well as surprising situations and actions that are called forth by his buildings. Literary quotes and narratives are woven into his designs as fictional elements. So far, Flavien has been able to realise eight houses out of the extensive collection of his designs, which were exhibited in an exterior space. In 2018, we has the opportunity to erect the ‘house with things behind’ from the ‘short story houses’ series in the hall of the Heidelberger Kunstverein. A house that, through its open structure – it does not envisage a roof or back wall – investigates the limits between sculpture, architecture and installation, particularly between the work and the exhibition space.

 

Jean-Pascal Flavien, "Short story house: house with things behind", 2014, courtesy: der Künstler und Esther Schipper, Berlin, Foto (c) Andrea Rossetti

Jean-Pascal Flavien, „Short story house: house with things behind“, 2014, courtesy: der Künstler und Esther Schipper, Berlin, Foto (c) Andrea Rossetti

Jean-Pascal Flavien

„House with things behind“

24.2. – 22.4.2018

Heidelberger Kunstverein

hdkv.de/ausstellungen

 

 

 

 

 

PR Info _ Der französische Künstler Jean-Pascal Flavien (*1971) ersinnt und baut fantastische Häuser, die gängige Vorstellungen von Funktion und Nutzen der Architektur hinterfragen und erweitern. Seine Konstruktionen erfüllen keine Baunormen, sondern stellen diese auf den Kopf. Denn er interessiert sich für Zustände, Gefühle und Träume, für überraschende Situationen und Handlungen, die von seinen Bauwerken hervorgerufen werden. Alle Hausprojekte setzen sich in Beziehung zu reinen Zweck- und Funktionsarchitekturen, indem sie Elemente einführen, die auf den ersten Blick dysfunktional oder einem Traum entsprungen erscheinen.

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, with ›floor dispenser‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, Photo: © Thilo Ross

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, with ›floor dispenser‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, Photo: © Thilo Ross

Seine Häuser entwickeln sich in einem langen Prozess, der durch eine Beobachtung, einen Text, ein Objekt, einen Gedanken oder ein Gefühl angestoßen werden kann. Zeichnung, Text und Modell sind künstlerische Mittel zur Entwicklung eines Entwurfs und Vorstufe zum Haus, das als Bauwerk bewohnt und bespielt wird. In einer Reihe von Künstlerbüchern legt Flavien diese ineinandergreifenden Prozesse dar.

In der vorausgehenden Ausstellung ›Protocols‹ hatten Besucher*innen des Heidelberger Kunstvereins die Gelegenheit, eine Reihe von Modell-Entwürfen der Häuser von Jean-Pascal Flavien kennenzulernen. Bisher konnte Flavien acht maßstabsgetreue Häuser aus dem umfangreichen Fundus seiner Entwürfe im Außenbereich realisieren. In der offenen Halle des Heidelberger Kunstvereins hat er das ›house with things behind‹ aus der Reihe der ›short story houses‹ (Kurzgeschichten-Häuser) nun in den Maßen ca. 5 x 8 m und in einer Höhe von 4,20 m errichtet. Ein Haus, das durch seine offene Struktur – es sieht kein Dach und keine Rückwand vor – die Grenzen zwischen Skulptur, Architektur und Installation, vor allem aber zwischen Werk und Ausstellungsraum, auslotet.

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, inhabitant: Felix Utting, with "Comforter/tent", Photo: © Andrea Rossetti

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, inhabitant: Felix Utting, with „Comforter/tent“, Photo: © Andrea Rossetti

Wie allen Modellen der Serie ›short story houses‹ ist auch dem ›house with things behind‹ ein Buch mit einer Kurzgeschichte des Künstlers beigegeben. Buch und zugehöriges Modell sind 2014 entstanden und auf dem Balkon des Kunstvereins zu sehen. Die Kurzgeschichten dieser Reihe handeln u. a. von der Koexistenz und dem Dialog zwischen Freunden, Paaren oder unterschiedlichen Lebewesen. Vom Miteinandersein oder der nachbarschaftlichen Ignoranz zweier Lebenswelten, die einander gar nicht erkennen. Sie sind aber auch Reflexionen der eigenen Entwurfsarbeit. Die Texte bilden poetische Leitmotive für die Häuser, in denen sich Innen und Außen, physischer und psychischer Raum überlagern.

In Flaviens Kurzgeschichte zu diesem Haus leben die Freunde Baku und Alexis, die jeweils dem Innen- und Außenbereich zugeordnet sind. Der eine, Alexis, lebt vor dem Haus auf der aufgeräumten Fassadenseite, während der andere, Baku, sich hinter dem Haus einrichtet. Hinter der himmelblauen Fassade verbirgt sich ein Haufen unterschiedlicher Materialien, die eigentlich zur Auskleidung und Isolierung genutzt werden und den Augen normalerweise verborgen bleiben. Mit minimalen Gesten schichtet Flavien (oder sein Alter Ego Baku) eine Vielzahl von Rollen aus glitzernden Stahlwollsträngen und Schaumstoffmatten auf und drapiert luxuriöse Lederreste und Wollfaserdochte auf den Stapeln. In Mitten dieser chaotischen Materialfülle finden sich improvisierte Konstruktionen: Eine Rolle eines wattierten Outdoorstoffs wird einseitig befestigt zum Zelt und ist zugleich Bettdecke und Schlafsack. Die umfunktionerte Rolle bietet ein Dach über dem Kopf, was das dreiseitige Fassadenhaus gar nicht vorsieht. Der ›Wall Bag‹ (engl. Wand-Sack), eine Paraphrase der beliebten Backpacks (engl. Rucksack), ist ebenfalls an der Rückwand festgeschnallt. An der Seiteninnenwand ist ein gelbes Plastikbord montiert, in das ein kurzes Zitat eingefräst ist, das den Vorgang des Schüttens beschreibt. Auch der Titel der Arbeit ›replaced by words, sink‹ (engl. durch Worte ersetzt, Waschbecken) legt nahe, dass es sich um die Andeutung, die Markierung eines möglichen Sanitärobjektes handelt. Hier ersetzt ein visuelles Kürzel kombiniert mit Text den anvisierten Einrichtungsgegenstand und macht nochmals die enge Verknüpfung von Objekt, Handlung, Text und Vorstellung deutlich. Die aufgeräumte Fassadenfront und der in ständiger Umgestaltung begriffene dahinterliegende Teil, die Freunde Alexis und Baku, können auch sinnbildlich für das Verhältnis und die Arbeit des Unbewussten, des psychischen Apparats oder der Erinnerungsbildung gelesen werden. Als Verarbeitung durch Anhäufung, Schichtung und Anordnung der andrängenden Wahrnehmungen, Erfahrungen, Gefühle und ihrer begrenzten Vermittlung nach außen.

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, inhabitant: Felix Utting, Photo: © Andrea Rossetti

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, inhabitant: Felix Utting, Photo: © Andrea Rossetti

Auch im Außenbereich finden sich ver-rückte Elemente. Ein oranger Fadenstrang bahnt sich seinen Weg aus dem Haus und ein Stuhl setzt sich über die genau abgegrenzten Austritte des Hauses. Aus den Galeriewänden tritt ein neuer Boden(belag) abrollbar in den Raum ein. Ein ineinander verschlungenes Paar Gartenstühle steht auf diesem neuen Boden – auf der Empore – und verschränkt die Stockwerke des Kunstvereins.

Jean-Pascal Flavien arbeitet mit Überschreitung, Verschränkung und Deplatzierung. Mit seinen Häusern verfremdet er die vertraute Lebenswelt. Seine Entwürfe und die Eingriffe im vorhandenen Raumgefüge definieren gewohnte Grundelemente und Strukturen an zentralen Punkten um. Sein Haus schiebt sich in die Architektur der Halle ein, ohne sich ihr unterzuordnen. Vielmehr gestaltet Flavien auch den Umraum des Hauses und kontrolliert damit den gesamten Ausstellungsbereich. Er besetzt Flächen und erzwingt andere Wege und Blickwinkel. Alle Besucher*innen werden somit mit einem neuen Raumgefüge konfrontiert, das den gewohnten Umgang mit dem Ausstellungsraum in Frage stellt. Sie betreten nicht mehr eine Ausstellung, sondern letztlich ein Haus mit Umraum in der Halle.

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, Photo: © Thilo Ross

Jean-Pascal Flavien: ›house with things behind‹, Heidelberger Kunstverein, 2018, Photo: © Thilo Ross

Doch damit nicht genug. Das ›house with things behind‹ wird von Felix Utting temporär bewohnt werden. Felix Uttig fungiert als ›inhabitant‹ (Bewohner) des Hauses, der auch im Haus übernachten wird. Diese individuelle Erfahrung wird er in Zukunft weitergeben. Auf diese Weise wird Haus auch nach seinem Abriss in der Schilderung eine neue Existenzform finden. Die Errichtung des Hauses ist somit nicht Endpunkt, sondern ein Höhepunkt in einem fortlaufend gedachten Prozess, den der Künstler nicht nur in unterschiedlichen Medien durchspielt, sondern auch für die Erfahrungen Dritter öffnet und diese in die fortlaufende Arbeit einbezieht.

›house with things behind‹ ist eine komplette Neuproduktion für den Heidelberger Kunstverein.

Info + illus. courtesy Heidelberger Kunstverein