„Was auch immer an einem Ort geschieht, hinterlässt Spuren. Irgendetwas bleibt stets haften.“ INTERVIEW mit Nicole Ahland


Innenräume sind eng verwoben mit der menschlichen Existenz. Die Bewohner hinterlassen Spuren der Nutzung, vergangene ebenso wie zukünftige. Nicht zuletzt sind die architektonischen Strukturen selbst schon Verweis auf menschliches Wirken, warum existieren sie, wie und in welcher Form, an welchem Ort? Räume und ihre Nutzung eröffnen einen vielschichtigen Deutungskosmos in sich soziologischer wie kulturgeschichtlicher, in technischer wie philosophischer Weise.

dunkel darin, 34 x 50 cm, 2009

dunkel darin, 34 x 50 cm, 2009

Dem spürt Nicole Ahland nach. Die Fotokünstlerin ist nicht an der reinen Abbildung des architektonischen Raumes interessiert, sondern an der Interaktion von Licht, Raum und Zeit. Sie sucht besondere leere Räume auf – seien sie verlassen, seien sich noch nicht bewohnt – und versucht, sich in sie einzufühlen, hineinzufinden. „Etwas“ ist da, das diese Räume, das den Raum ausmacht. Ein langer Prozess, für den sie oft auch über Nacht vor Ort bleibt.

So entstehen analoge Aufnahmen, die die „Essenz“ der Räume, so wie Ahland sie erlebt, erfühlt hat, einfangen. Es entstehen atmosphärisch verdichtete Aufnahmen, durch das reduzierte natürliche Licht vor Ort oft irreal anmutend, die den Betrachter auch eine Projektionsfläche für Erinnerung, an Erlebnisse, an Vergangenheit schaffen.

Aktuell sind Arbeiten von Nicole Ahland in Berlin – LIGHT. Nicole Ahland und Rosa M Hessling (Wichtendahl Galerie Berlin, 8. September – 14. Oktober 2017) – und in Cuxhaven – Nicole Ahland – Fotografie. Atmende Räume (Cuxhavener Kunstverein e.V., 15. September – 15. Oktober 2017) – zu sehen. Außerdem sind ihre Arbeiten Teil zweier Gruppenausstellungen im Spätjahr (Kunst in Kirchen in der Wetterau, St. Johannes Evangelist, Rodheim, 19. August – 24. September 2017; Lost in Transition – vom Flüchtigen, Ephemeren, Kunstforum der TU Darmstadt, 23. September – 10. Dezember 2017).

decconarch.com hat Nicole Ahland verraten, was ihre besondere Art des Arbeitens ausmacht – wie sie ihre Räume findet, wie sie sich zu eigen macht und ihnen begegnet.

all illus. (c) Nicole Ahland
www.nicole-ahland.de

INTERVIEW

Was fasziniert dich an der Arbeit mit – in – Räumen, an Räumen?

the light between # 1, 100 x 100 cm, 2017

the light between # 1, 100 x 100 cm, 2017

Ja, tatsächlich, mein künstlerisches Werk kreist stets um den Raum – Licht und Raum. Ganz genau gesagt, sind es vor allem Innenräume, die mich interessieren. Räume definieren einerseits des Menschen gesellschaftliche Stellung und seinen Rang, andererseits bietet Raum Schutz und ist Spiegel der gesamten Bandbreite von Emotionen. Räume sind so dicht mit menschlicher Existenz und Verhalten verwoben, dass selbst in aufgegebenen Räumen Spuren und Strukturen stets spürbar oder sichtbar bleiben.

Räume und ihre Nutzung – oder eben ihre Umnutzung – eröffnen soziologisch und philosophisch betrachtet eine vielschichtige Deutung. Kleinste Verschiebungen innerhalb der Gesellschaft, beispielsweise demografische, wirtschaftliche oder technische Entwicklungen, zeigen sich in Raumnutzung bzw. Umnutzung, in Umbruch und Abbruch.

Aus diesem Blickwinkel erscheint mir dieses Konstrukt von Mensch und Raum derart prägend und existenziell zu sein, dass sich mir viele Fragen auftun; dem gehe ich nach, das beschäftigt mich.

Welche Art von Räumen spürst du auf?

the light between # 6, , 60 x 60 cm, 2017

the light between # 6, , 60 x 60 cm, 2017

Meist arbeite ich in Räumen, die sich im Umbruch ihrer Nutzung oder Bestimmung befinden. Da sind z. B. historische Räume wie verlassene Guts- oder Herrenhäuser, deren Geschichte bereits hinter ihnen liegt; öffentliche oder halböffentliche Orte wie Fabriken, Krankenhäuser, museale Räume, sakrale Räume, politische Räume. Aber auch Neubauten – solche, deren Geschichte und Nutzung noch bevorsteht. Was auch immer an einem Ort geschieht, hinterlässt Spuren. Irgendetwas bleibt stets haften. Mein Anliegen ist es, die Räume, in denen ich fotografisch arbeite, einerseits im Ergebnis atmosphärisch zu verdichten – eine Art Essenz herauszukristallisieren –, andererseits für den Betrachter eine Projektionsfläche für Erinnerung an Räume, an Erlebnisse, an Vergangenheit, an sich selbst zu schaffen.

Wie findest du diese Essenz?

Ich denke, diese Essenz, von der ich spreche, lässt sich nicht erklärterweise finden, sondern stellt sich ein. Wenn ich eine gewisse Zeit an dem Ort, in dem Raum zugebracht habe, ihn beobachtet und mit allen weiteren Sinnen erfahren habe, gibt es den Moment, an dem ich meine, ihn verstanden zu haben – den Raum. Ab diesem Moment wird er zu meinem Raum, verliert den Anspruch auf reine dokumentarische Abbildlichkeit oder Mimesis.

Und ob es gelungen ist, diese Essenz herauszufiltern, selbstverständlich sowieso ein subjektives Kriterium, stellt sich erst nach Entwickeln und Sichten des belichteten Filmmaterials heraus.

Wie findest du diese besonderen Orte?

Space" #25, 51 x 42 cm, 2016

Space“ #25, 51 x 42 cm, 2016

In der Regel bedarf es einiger, manchmal auch recht langwieriger Vorbereitung, bevor ich an einem ausgewählten Ort fotografieren kann: Recherche, Reisen, Kontaktaufnahme, das Einholen von Erlaubnissen. Aber auch der Zufall oder die Empfehlung von Menschen, die um mein Tun wissen, haben mich schon in manch‘ spannende Räume geführt. Oder Bauherren und Architekten nehmen Kontakt zu mir auf, berichten von eben solchen erlebnisreichen oder auch skurrilen Orten, die umgebaut oder abgerissen werden sollen, um Neues entstehen zu lassen. Dann nehme ich mich gerne dieser Orte an. Archiviere und reflektiere sie auf meine Art. Da können sehr fruchtbare und spannende Kooperationen entstehen.

Und dann vor Ort …

Wenn es dann soweit ist, versuche ich mich möglichst lang im Raum einzunisten – manches Mal auch über Nacht –, richte mich mit meinem Equipment ambulant ein und verweile. Da ich analog arbeite, braucht es seine Zeit vor Ort. Die Begegnung mit dem Raum kann man durchaus mit der Begegnung eines Menschen vergleichen. Neugierde, Aufmerksamkeit, Zugewandtheit, Interaktion, so lasse ich mich auf den Ort ein. Arbeite nur mit dem Licht, das ich vorfinde, baue kein aufwendiges Kunstlicht auf. Sehen, warten, denken, konzentriert und vorausschauend den Raum und das formulierende Licht erfahren. Durch die Fotografie ist es mir möglich, unmittelbar das festzuhalten, was mich anregt und von Bedeutung ist.

Du arbeitest nach wie vor analog, nicht digital.

Space" #1, 125 x 125 cm, 2013

Space“ #1, 125 x 125 cm, 2013

Eine häufige Frage lautet, warum ich analog und nicht digital fotografiere. Das steckt kein großes Geheimnis oder gar Dogma dahinter. Es ist einfach so, dass ich die Fotografie als Medium der Weltwiedergabe unglaublich liebe. Ich mache das nun schon sehr lange und habe die Technik und optische Physik derart verinnerlicht, dass mir das digitale Fotografieren aus künstlerischer Sicht keinen tatsächlichen Zugewinn brächte, ich nicht zu besseren Ergebnissen käme. Zudem mag ich das Langsame der analogen Fotografie, der Zeitversatz der Prozesse. Das analoge Fotografieren verlangt Konzentration und Genauigkeit, auch eine gewisse Disziplin im Umgang mit Materialmengen. Das empfinde ich in dieser rasanten und kurzlebigen Zeit als sehr angenehm und verbindlich.

Wir haben noch nicht über das Licht geredet! Deine Räume werden von einem besonderen Licht bestimmt, oft entsteht eine fast schon abstrakte Wirkung.

Nun, was das Licht betrifft, so ist es für das Sehen und für die Wahrnehmung elementar und für die Fotografie ohnehin. Durch Reflexion modelliert das Licht den Raum, formt die Gegenstände – macht sichtbar. Licht erzeugt Schatten, stellt eine Spannung zwischen hell und dunkel, sichtbar und unsichtbar, Nähe und Distanz her. Auf diese Weise ist es möglich, die Idee des Raums als Anschauungsform zu verstehen, durch die es dem Betrachter möglich ist wahrzunehmen; also eine Art ideellen Raum als Möglichkeit des Seins zu evozieren. Es gilt sich von der Erwartung des reinen Abbilds zu befreien, die sinnliche Wahrnehmung und die Fantasie zu nutzen.

Nicole, herzlichen Dank für die Einblicke in deine Arbeit!